Suchen

Swiss Propaganda

Propaganda in Schweizer Medien

Propaganda in Schweizer Medien?

Ob öffentliches Fernsehen oder Lokalradio, ob Boule­vard oder NZZ: Wenn es um Geo­po­li­tik und Kriege geht, be­rich­ten die eta­blier­ten Medien selbst in der offiziell neutralen Schweiz erstaunlich gleich­artig und ein­seitig.

Sie tun dies wo­mög­lich nicht ganz frei­wil­lig, denn die Schweiz steht unter Druck. Eine all­zu objek­tive Be­richt­er­stat­tung und die Ver­wen­dung „feind­licher“ Quellen könnten un­an­ge­nehme politische und wirtschaftliche Konsequenzen für das er­folg­reiche Alpen­land haben. Schwei­zer Medien: un­ab­hängig oder an­ge­passt?

Video: Bild anklicken!


Zensur und Selbstzensur

Zensur und Selbst­zensur bei geo­po­li­tischen Kon­flik­ten sind in der Schweiz keines­wegs un­be­kannt, wie ein Blick in die Ge­schichte zeigt.

Um das Land keinen un­nöti­gen Ri­si­ken aus­zu­setzen, muss­ten sich Medien und sogar Buch­ver­lage wäh­rend des Ersten und Zweiten Welt­kriegs und wäh­rend des Kal­ten Kriegs stets an einen po­li­tisch vor­ge­ge­benen Mei­nungs­korri­dor halten, der sich an den welt­wei­ten Kräf­teverhältnis­sen orientierte. Ob dies im heu­ti­gen Global War on Terror und dem Neuen Kalten Krieg wohl anders ist?

Auf­grund der enor­men Medien­kon­zen­tra­tion ist die Um­set­zung von Zensur und Selbst­zensur heut­zu­tage zudem ein­facher denn je. In­zwi­schen werden über 90% des Schwei­zer Mark­tes von nur fünf großen Medien­häusern kon­trol­liert: Tamedia, Ringier, NZZ Medien, AZ Medien und SRG (siehe Info­grafik). Wenn da bloß dieses Inter­net nicht wäre…


Die Partnerschaft mit der NATO

Die Schweiz ist nicht Mit­glied in der NATO, trat jedoch 1996 der sog. NATO Partner­ship for Peace und 1997 dem Euro-Atlan­tischen Par­tner­schaftsrat bei – je­weils ohne Volks­ab­stimmung.

Seit­dem wird das Schweizer Militär als Hilfs­trupp im Nach­gang von mit­unter völker­rechts­widrigen Kriegen ein­ge­setzt, so im Kosovo (KFOR), in Bosnien (EUFOR/Althea) und in Afgha­ni­stan (ISAF).

Ob Schweizer Medien trotz NATO-Par­tner­schaft kri­tisch über Militär­ein­sätze und Regime Changes der US-Allianz be­rich­ten dür­fen, ohne dass dies als »feind­li­che Pro­pa­gan­da« ge­wer­tet wird?

Die einseitige Darstellung der Krie­ge in Jugo­slawien, Afgha­ni­stan, Irak, Libyen, Syrien, Jemen, der Ukraine und vieler wei­te­rer Kon­flik­te deutet jeden­falls nicht darauf hin.

An wirtschaftlichen Sanktionen muss sich die Schweiz auf Druck der USA schon seit 1951 be­tei­li­gen. Jour­na­listen, die diese Ver­letzung der Neu­tra­lität damals kri­ti­sierten, er­hielten 15 Mo­nate Gefäng­nis wegen Landes­verrats.


NZZ, die Stimme des Imperiums?

2010 schrieb der heutige NZZ-Chef­re­dakteur und vor­ma­lige NZZ-Aus­lands­chef Eric Gujer ein Buch über den War on Terror zu­sammen mit Gary J. Schmitt, dem ehe­ma­li­gen Execu­tive Direc­tor des Project for The New American Century (PNAC).

PNAC wurde 1997 von Dick Cheney und anderen Neo­kon­ser­va­tiven ge­gründet. Die Gruppe for­derte die un­ein­ge­schränkte US-Welt­herr­schaft und anti­zi­pierte be­reits im Jahre 2000 in einem Stra­tegie­papier ein »neues Pearl Harbor« als Legi­ti­ma­tion für die globale US-Offensive.

NZZ-Chef­redakteur und Atlan­ti­ker Eric Gujer pflegte zudem Kon­takte zu di­ver­sen Ge­heim­diensten – Edward Snow­den ist für ihn denn auch kein »Whistle­blower«, sondern ein »Ver­rä­ter«. (Mehr: Die NZZ-Studie)


SRF: Die Propaganda-Analyse

Das Schweizer Radio und Fern­se­hen (SRF) leistet mit seinen Nach­rich­ten- und In­for­ma­tions­sen­dungen einen wich­tigen Bei­trag zur öffentlichen Meinungsbildung in der Schweiz. Doch wie objektiv und kritisch be­rich­tet das SRF über geo­po­li­tische The­men?

Um dies zu über­prü­fen, wurde erst­mals eine sys­te­ma­tische Ana­lyse der SRF-​Be­richt­er­stat­tung zu einem geo­po­li­tischen Ereig­nis durch­ge­führt.

Die Resul­tate sind alar­mie­rend: In allen unter­such­ten Bei­trä­gen des SRF wurden Pro­pa­ganda- und Mani­pu­la­tions­tech­niken auf re­dak­tio­nel­ler, sprach­licher und audio­vi­su­el­ler Ebene fest­ge­stellt.

Zur SRF Propaganda-Analyse →


Das gewünschte Narrativ

Was passiert, wenn sich ein Schweizer Jour­na­list bei geo­politischen Kon­flikten nicht an das gewünschte Narrativ hält?

Im Januar 1994, mitten im Bosnien­krieg, ver­öffent­lichte der da­ma­lige Aus­lands­chef der Welt­woche einen Artikel zu Kriegs­lügen der west­lichen Allianz. Daraufhin geschah Folgendes:

Weiterlesen →


Die Konferenz

Die großen Schweizer Medien­­häuser sind in Trans­at­lan­tik-Netz­werke ein­ge­bun­den: So nehmen die wichtigsten Schweizer Verleger und Chef­redakteure im Turnus an der jähr­lichen Bilderberg-Konferenz teil, wo sie im privaten Rahmen auf die trans­atlan­tische Elite aus Wirt­schaft, Politik und Militär treffen. Berichten tun sie kaum darüber – ob sie wenigstens kri­ti­sche Fragen stellen?

Teilnehmer seit 1991 (siehe Info­grafik):

teilnehmer-bilderberg

Die Schweizer Delegation umfasst meist einige wenige Spitzen­ver­treter aus Po­li­tik, Finanz, Pharma und Medien.

Auch der journa­lis­tische Nach­wuchs wird ge­för­dert: Sowohl der aktu­elle 10vor10-Mode­ra­tor beim SRF wie auch der NZZ-Korres­pon­dent für die EU & NATO wurden von der Ameri­can Swiss Foun­da­tion zu »Young Leaders« ernannt – und neh­men in dieser Rolle an exklu­siven Dinners mit hoch­rang­igen US-Ver­tre­tern teil. Foto oben: Bilder­berg-Kon­­fe­­renz 2011 in St. Moritz.


Warum der Tagi nichts verpasst

Ob Ukraine, Syrien oder Chi­na: Seit über zehn Jahren bezieht der Zürcher Tagesanzeiger im Rah­men einer kaum be­kannten Ko­ope­ra­tion viele seiner Aus­lands­be­richte von der Süd­deut­schen Zeitung. Deren Außen­politik­chef zählt indes zu den bekanntesten Trans­at­lan­tikern Deutsch­lands – und ent­spre­chend le­sen sich die Arti­kel im Tagi: Aus dem ara­bi­schen Raum berichtet z. B. ein Absol­vent des ameri­ka­ni­schen Arthur-F.-Burns-Fellowship, aus Mos­kau ein Ab­gänger der Henri-Nannen-Schule.

Über den Onlinedienst newsnet werden Aus­lands­be­rich­te des Tagi zudem an andere Schwei­zer Zei­tungen wei­ter­ge­reicht. Auf diese Weise er­scheinen Pro­pa­gan­da­stücke der Süd­deutschen Zeitung via Tages­anzeiger und newsnet zu­sätz­lich im Berner Bund und der Basler Zeitung.

Seit 2015 ist der Tages­anzeiger über­dies Teil der Leading European News­paper Alliance (LENA). Zweck des Ver­bunds sei die „Ent­wick­lung und der Aus­tausch re­dak­tio­neller In­hal­te“ mit anderen LENA- Mit­glie­dern wie Le Fi­g­aro, Die Welt, El País oder La Re­pub­blica. Alle diese Zei­tungen sind in das Bilder­berg-Netz­werk ein­ge­bun­den – kann es da noch über­raschen, dass auch die LENA- Repor­ta­gen ganz auf trans­at­lan­tischer Linie sind?


Eine Brücke über den Atlantik

Der deutsche Medien­gigant Axel Springer (BILD, Die Welt, etc.) gewinnt auch in der Schweiz zu­neh­mend an Einfluss. Bereits 1999 wurde die Handels­zeitung über­nommen, 2007 folgten u.a. die Bilanz und der Beobachter. 2014 wurde eine umfang­reiche Koope­ration mit Blick-Verleger Ringier publik, und 2015 der Ein­stieg in die Werbe­allianz Admeira mit Ringier, Swiss­com und der SRG.

Als angel­säch­sische Li­zenz­grün­dung von 1946 ist Axel Springer – wie die meisten deutschen Leit­medien – bis heute tief in den US-Macht­­struk­turen ver­wur­zelt. So ist Konzern­­chef Mathias Döpfner Mit­glied im Bei­rat des US Council on Foreign Relations (CFR). Und Heraus­geber Kai Diek­­mann sitzt im Vor­­stand der ame­ri­ka­treuen Atlantik­brücke, in der viele der bekann­testen Medien­leute Deutsch­­lands ver­ei­nigt sind.

Springer-Journa­listen sind ver­­trag­­lich ver­pflichtet, das »trans­at­lantische Bündnis und die Soli­da­rität mit den USA« zu unter­stützen. So auch der heutige Ver­leger der Welt­woche, der zuvor Chef­re­dakteur von Springers Welt war und den Irak­krieg 2004 mit diesen Worten ver­tei­digte: „Die UNO schützt die Welt­ordnung nicht, zu deren Hüterin sie sich irr­tüm­licher­weise erklärt. Sie ist im Gegen­teil das Derivat eines Friedens, den ameri­ka­nische Truppen sichern“, weshalb „Europa auf die USA als hege­mon­ialer Hüter der west­lichen ‚Welt­gewalt­ordnung‘ nicht ver­zichten kann“.


Infografik: Das Netzwerk

Wie sind Schweizer Medien in trans­at­lantische Netz­werke ein­ge­bunden? Welche Personen, Organi­sa­tionen und Kon­fe­ren­zen sind von Bedeutung? Unsere Info­grafik gibt Auskunft.

swisspropaganda-medien-schweiz-bd-small

Bild anklicken!


Die NZZ-Studie

Die Neue Zürcher Zeitung ist das Flagg­schiff unter den Schweizer Tages­zei­tungen. Doch wie objektiv und kritisch berichtet die NZZ über geo­politische Konflikte? Um dies zu beantworten, wurde die Bericht­erstattung der NZZ zur Ukraine-​Krise und zum Syrien­krieg während je eines Monats untersucht. Die Resultate sind eindeutig.

Zur NZZ-Studie →


Anschlag auf die Forschungsfreiheit

So ergeht es US-​kritischen Forschern in der Schweiz: Der Historiker Dr. Daniele Ganser wurde 2006 nach einer Inter­vention der amerika­nischen Bot­schaf­terin prompt von der ETH Zürich ent­lassen. Dr. Ganser forschte zu ver­deckter Kriegs­führung und ins­ze­nier­tem Terror durch die NATO im Kalten Krieg sowie zu den An­schlägen vom 11. September 2001 (siehe Artikel im ETH-​Magazin). Der Zürcher Tages­anzeiger berich­tete zum Eklat um Dr. Ganser:

Weiterlesen →


Abschied von USA-Kritikern

Februar 2012: Der US-kritische Banquier Konrad Hummler muss nach nur einem Jahr im Amt als NZZ-Präsi­dent zurück­treten. Seine Privatbank Wegelin wurde von den USA an­ge­klagt und zerschlagen.

Für Schweizer Banken wie Journalisten war dies ein kaum über­hör­ba­rer Weck­ruf (O-Ton NZZ). Denn Hummler hatte nicht nur bank­politisch, sondern auch publi­zistisch die »rote Linie« über­schritten, als er sich in einem viel­beachteten An­la­ge­kom­men­tar mit dras­ti­schen Worten zur Po­li­tik der USA äußerte und einen »Abschied von Amerika« forderte.

Viele Schwei­zer Banken und Konzerne – und da­mit Ar­beits­plätze, Steuer- und Werbe­ein­nah­men – hän­gen vom Good­will der USA ab. Ob Schweizer Ver­le­ger und Chef­re­dak­teure diesen aufs Spiel setzen wollen?


Der Propaganda-Multiplikator

Es ist einer der wichtigsten Aspekte unseres Medien­systems – und dennoch in der Öffentlichkeit nahe­zu un­be­kannt: Der größte Teil der inter­na­tio­nalen Nach­rich­ten in all unseren Medien stammt von nur drei glo­balen Nach­rich­ten­agen­turen aus New York, London und Paris.

Die Schlüssel­rolle dieser Agen­turen be­wirkt, dass west­liche Medien zu­meist über die glei­chen The­men be­richten und dabei sogar oftmals dieselben For­mu­lie­rungen ver­wenden.

Zu­dem nutzen Re­gie­rungen, Mi­li­tärs und Ge­heim­dienste die glo­balen Agen­turen als Mul­ti­pli­kator für die welt­weite Ver­brei­tung ihrer Bot­schaften. Die trans­at­lan­tische Ver­netzung der eta­blier­ten Medien ge­währ­leis­tet da­bei, dass die ge­wün­schte Sicht­weise kaum hin­ter­fragt wird.

Eine Unter­suchung der Syrien-Bericht­er­stat­tung von je drei füh­ren­den Tages­zei­tungen aus Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz illus­triert diese Effekte deutlich.

Zur Multiplikator-Studie →


Das gewünschte Narrativ II

Im Dezember 2015 publi­zierte das News­portal Watson (AZ Medien) einen Artikel des lang­jährigen Tages­schau-Kor­res­pon­denten Hel­mut Sche­ben zum Syrien­krieg. Scheben stellte den Krieg in einen geo­po­li­tischen Kontext und kri­ti­sierte die westliche Be­richt­er­stattung als einseitig und ma­ni­pu­la­tiv. Der Beitrag un­ter­schied sich deutlich von früheren Syrien-Artikeln, die Watson meist vom trans­atlantisch orientierten Spiegel Online bezog.

Keine zwei Tage später veröffentlichte Watson jedoch einen ge­har­nisch­ten Rückruf, in dem sich das Portal vom Artikel distanzierte und Helmut Scheben wüst beschimpfte: Man sei auf einen „Putin-Troll“ herein­ge­fallen, der wo­möglich in der „russischen Propaganda-Maschinerie“ mit­wirke. Auch Leser, die sich positiv zum ur­sprüng­lichen Artikel geäußert hatten, wurden als Trolle verun­glimpft.

Wer oder was hat wohl hinter den Kulissen zu dieser selt­samen Reak­tion geführt? Jeden­falls wurde damit allen Journa­listen in Er­in­nerung gerufen: Wer sich in der Schweiz nicht an das ge­wünschte Nar­ra­tiv hält, ris­kiert Ruf und Karriere.


Propaganda im Staatsauftrag?

Von den öffent­lichen Rund­funk­an­stalten er­war­tet das Pu­bli­kum eine aus­ge­wogene Bericht­er­stattung. Doch oft ist ge­rade dort der Druck be­sonders hoch, sich bei geo­po­li­tischen Kon­flikten an das trans­at­lan­tische Narra­tiv zu halten.

So bezieht das Schweizer Radio und Fern­sehen seine Texte und Bilder ge­mäß eige­nen An­ga­ben zumeist von Agen­tu­ren aus New York, Lon­don und Paris und thematisiert Pro­pa­­ganda stets nur auf der Gegen­­seite. Selbst vor sub­tiler Grusel­musik in den Nach­rich­ten schreckt das SRF nicht zurück, um Gegner der US-Allianz zu dämo­ni­sieren. (Mehr dazu: Die SRF-Studie)

In Deutsch­land machte der ehe­­ma­lige Chef­­­re­dak­­teur des ZDF publik, dass Bei­träge zu US-Kriegen politisch beein­flusst werden. Nahost-Korrespondent Ulrich Tilgner be­klagte Ein­­griffe auf­grund von  »Bünd­nis­rück­sich­ten«, und der ehe­­ma­­lige Leiter des ZDF-Studios Bonn be­stä­tig­te »An­wei­sungen von oben« und eine »frei­willige Gleich­­schal­­tung« der Jour­na­lis­ten.

Zuletzt flog das ZDF sogar mit einer fabri­zier­ten Doku­men­ta­tion über die Ukraine auf. Bereits zuvor wurde die britische BBC in einer Syrien-Repor­tage beim Fälschen er­wischt. Dennoch über­nimmt auch die SRF Rund­schau solche BBC-Repor­ta­gen unge­prüft.

Beim öster­rei­chischen ORF ver­öf­fent­lichten die Re­dak­teure gar ein Protest-Video als Zeichen gegen die zu­neh­mende po­li­tische Ein­fluss­nahme.


Der Korrespondent

Wie wird man Kor­res­pon­dent beim Schwei­zer Radio und Fern­sehen? Fredy Gsteiger muss es wissen: Er ist stv. Chef­redakteur, Auslands­chef und diplo­ma­tischer Korres­pon­dent des Schwei­zer Radios SRF.  In dieser Funktion be­richtet er etwa über die UNO, NATO und EU – und damit z.B. auch über Russ­land-Sanktionen und die Genfer Syrien-Ver­hand­lungen.

Gsteiger begann seine journa­lis­tische Lauf­bahn Ende der 80er Jahre als Nahost-Redakteur bei der deutsch-trans­atlan­tischen Wochen­zeitung Die Zeit. Die Schwei­zer Neutra­lität war für ihn schon vor dem Ersten Irak­krieg 1991 ein »Konzept von gestern«, wirt­schaft­liche Neutra­lität ohne­hin »gänz­lich über­holt«. Von 1997 bis 2001 war Gsteiger dann Chef­redakteur bei der Welt­woche. Unter seiner Leitung trat das Blatt »für den Bei­tritt der Schweiz zur NATO« ein, wie er in seinem Abschieds­artikel schrieb.

Damit kam Gsteiger 2002 zum Schweizer Radio. Be­schwer­den über eine ein­sei­tige Be­richt­er­stattung wurden von der Ombuds­stelle abge­lehnt. Und so be­tont Gsteiger auch 2016 noch die »vielen Koope­ra­tions­möglich­keiten« mit der NATO; be­dauert, dass die Russland-Sanktionen nicht ver­schärft werden; und weiß genau, wer in Syrien der Böse­wicht ist.

Foto oben: Fredy Gsteiger 2014 auf einer Journa­listen-Tour der US NATO-Mission. (SRF)


Der Kriegsreporter

Wie wird man in den Schweizer Medien zum »Nahost-​Experten«? Kurt Pelda muss es wissen: Von der Welt­woche bis zum Schwei­zer Fern­sehen ist er der Mann, der die Ereig­nisse in Syrien und dem Irak für das Publi­kum »ein­ord­nen« darf.

Pelda be­glei­tete schon in den 80er Jahren als junger Journa­list die Muja­hedin im von den USA lancier­ten Krieg gegen die afgha­nische Regie­rung, die mit Moskau verbün­det war. Nach Sta­tionen bei der Financial Times und der NZZ bereist er heute als freier Journa­list erneut Kriegs­ge­biete – wie damals meist nur auf Seiten der US-​unter­stützten Milizen.

Ist diese Ein­seitig­keit ein Pro­blem? Nicht für Pelda, denn er sei schließ­lich ein »Mei­nungs­jour­na­list« und »kein objek­ti­ver Be­obach­ter«, wes­wegen Neutra­li­tät für ihn »keine Option« ist. Viel­mehr gehe es ihm um »gute Ge­schich­ten«, für die die Medien zu zahlen be­reit sind. Wer in diesen Ge­schich­ten die Guten sind – und wer die Bösen – dürfte dabei nie­man­den über­raschen.

Mit diesem Ansatz wurde Pelda 2014 zum »Jour­na­list des Jahres« gekürt. Andere Nahost-​Kenner, denen Objek­ti­vi­tät und Neutra­lität wich­ti­ger sind als eine »gute Ge­schichte«, kommen in Schwei­zer Medien hin­gegen kaum noch zu Wort. Statt »ein­ge­ordnet« wurde hier – aus­sor­tiert.

Foto oben: Pelda in Syrien (*).


Idée suisse

Groß war der Auf­schrei in den Schweizer Medien, als Polen Anfang 2016 ein neues Medien­ge­setz erließ, welches die Er­nennung von Di­rek­toren des öffentlichen Rundfunks der Regierung übertrug. Doch wie un­ab­hängig sind die öffentlichen Medien in der Schweiz?

Die Realität ist er­nüch­ternd: Obwohl die Schwei­ze­rische Radio- und Fern­seh­ge­sell­schaft (SRG) gerne betont, dass sie als privater Verein orga­ni­siert ist, wurde der SRG-Präsi­dent bis 2012 ganz offiziell von der Landes­re­gierung be­stimmt, die zudem wei­tere Ver­wal­tungs­rats­mit­glieder er­nennt. Seit­her kommt ein un­durch­sich­tiges Pro­ce­dere zum Ein­satz, bei dem das Minis­terium vorab über die Kan­di­daten »infor­miert« wird.

Zudem wurde das An­for­de­rungs­profil sowohl bei der Wahl des General­di­rektors 2010 wie auch bei der Wahl des Prä­si­denten 2016 noch während des Ver­fahrens ange­passt – und in beiden Fällen letzt­lich ein Wunsch­kan­di­dat des am­tie­renden Medien­mi­nis­ters gewählt. Bei der Wahl des Gene­ral­di­rek­tors ab 2017 fand dann über­haupt keine Aus­schrei­bung mehr statt.


Das Meinungskartell

Damit hatten die Schwei­zer Ver­leger nicht ge­rech­net: Kein Ge­rin­gerer als der da­ma­lige Schwei­zer Bundes­präsi­dent kon­sta­tierte 2013 in einer Rede an ihrem Jahres­kongress, dass in den hiesigen Medien eine »selbst­ver­fügte Gleich­schal­tung« be­stehe. Wohl gebe es noch eine Viel­falt an Medien­titeln, doch sei dies »reine Mas­ke­rade«, denn unter den ver­schie­denen Titeln bekomme man allzu oft das Gleiche zu lesen. Die inhaltliche Vielfalt  fehle, es herrsche ein »weit­gehendes Mei­nungs­kartell«.

Zu poli­tischen Tabu­themen werde nicht mehr re­cher­chiert, und wer es doch tue, ris­kiere seinen guten Ruf. Wichtige Dis­kus­sionen würden nicht geför­dert, sondern ver­hin­dert. Dies sei für eine frei­heit­liche Demo­kratie nicht nur staats­poli­tisch bedenk­lich, sondern scha­de letzt­lich auch den Medien selbst: Die Leser ver­lören ob der medialen Gleich­förmig­keit und Ober­flächlichkeit das Interesse und würden sich alter­na­tiven Infor­ma­tions­an­ge­boten zu­wenden.

Für seine Medien­schelte wurde der Bundes­prä­sident da­mals von den ver­sam­melten Ver­legern aus­ge­pfiffen. Doch hatte er so un­recht?


Die Propaganda-Wächter

Der Schweizer Presse­rat nimmt Be­schwer­den zu Me­dien­be­rich­ten ent­ge­gen und prüft, ob die Beiträge seinen Richt­linien ent­spre­chen.

Aller­dings besteht das Gre­mium selbst aus 15 Jour­na­listen und nur sechs Pub­li­kums­ver­tre­tern; und auch diese werden von einem Stiftungsrat er­nannt, der gänz­lich von Medien­orga­ni­sa­tionen kon­trol­liert wird – da­run­ter der Ver­leger­ver­band und die Kon­fe­renz der Chef­re­dak­teure.

Das Resultat kann man sich denken. Im Som­mer 2014 wurde etwa eine Be­schwerde gegen die no­to­risch ein­sei­tige Ukraine-Bericht­er­stattung der NZZ ein­ge­legt. Ganze zwei Jahre später kam der Presse­rat zu seinem Verdikt: Die Rich­tig­keit der NZZ- Dar­stel­lung stehe »außer Frage«, denn auf »amt­liche Ver­laut­ba­rungen und Agen­tur­mel­dungen« sei »Verlass«. Vor russischen Quel­len wird in­des ge­warnt – diese wären weder glaub­haft noch erforderlich. Kom­men­tare müss­ten nicht auf Fak­ten ba­sie­ren, Ge­gen­mei­nungen ein­zu­holen sei »un­üb­lich«, und an den Aus­füh­rungen der NZZ zu »Kreml- Trollen« sei »nicht zu zwei­feln«. Be­schwerde ab­ge­lehnt.

Pikant: Einige der be­ur­teil­ten Ar­tikel stam­men von einem NZZ-Redak­teur, der selbst im Stiftungsrat des Gremiums sitzt. Beim Presse­rat nennt man dies »Selbst­re­gu­lierung«…


Das Vertrauen schwindet

Das Forschungs­institut für Öf­fent­lich­­keit und Gesell­schaft der Uni­ver­sität Zürich publi­ziert all­jähr­lich das »Jahr­buch Qualität der Medien«. 2016 ver­mel­dete das In­sti­tut, das Ver­trau­en in die Schwei­zer Me­dien sei »weiter­hin hoch« – so das Er­geb­nis eines Länder­ver­gleichs in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Reu­ters Insti­tute.

Doch wie hoch ist das Vertrauen in die Schweizer Medien nun wirklich? Dazu findet man in der Mit­tei­lung des Instituts keine An­ga­ben. Und auch die Zei­tungs­be­richte zur Studie er­wäh­nen diese wich­tige Kenn­zahl nicht. Aus gutem Grund – denn die Resultate sind er­schüt­ternd.

Demnach halten nur noch 50% der Schwei­zer Be­völ­ke­rung die Nach­rich­ten für glaub­würdig. Das Ver­trauen in die Medien­unter­nehmen und in die Jour­na­listen liegt mit 39% bzw. 35% sogar noch tiefer. Mit anderen Worten: Rund zwei Drittel der Schweizer Be­völ­ke­rung ver­traut den ei­ge­nen Jour­na­listen nicht mehr.

Dennoch glaubt das For­schungs­in­sti­tut – das u.a. vom Bundes­amt für Kom­mu­ni­ka­tion fi­nan­ziert wird – die Nutzung tra­di­tio­neller und insb. öffent­licher Medien würde das Ver­trauen ins Medien­system »för­dern«. Die Da­ten zei­gen je­doch nur, dass regel­mäßige Kon­su­menten die­ser Me­dien we­ni­ger kri­tisch sind – und ihre An­zahl immer ge­ringer wird.


Der Kampf gegen die Leser

Weil Propaganda von kritischen Lesern immer öfter und schneller entlarvt wird, sind viele Medien dazu über­ge­gangen, die Kommentar­funktion auf ihren Inter­net­­seiten stark zu zensieren oder ganz zu deaktivieren.

In ihrer Not versuchten die ertappten Medien, die kri­ti­schen Leser als Trolle oder »Inter­net­pi­raten« (O-Ton NZZ) dar­zu­stellen, die von aus­län­dischen Re­gie­rungen fürs Kom­men­tieren bezahlt würden. Be­lege da­für blie­ben aus, und inhaltlich wurde auf die Leser­kritik ohnehin nicht ein­ge­gangen.

Längst belegt ist jedoch das Gegenteil: Die eigenen Geheim­dienste sowie PR-Agenturen schreiben in Online-Foren und sozialen Me­dien mit, um die Lesermeinung im Sinne ihrer Auf­trag­geber zu beeinflussen.

Zuletzt kamen noch die un­durch­­sichtigen Ma­ni­pu­la­tionen im Online-Lexikon Wikipedia ans Tageslicht – zu den Tätern gehörte wohl auch der Schwei­zer Nach­richten­dienst.


Der Chefredakteur und die CIA

Die klandestine Zu­sam­men­arbeit west­licher Geheim­dienste mit Medien, Think Tanks und NGOs ist seit langem bekannt und vielfach doku­men­tiert.

Wie eng und um­fas­send selbst füh­ren­de deutsch­spra­chige Jour­na­listen mit den Ge­heim­diens­ten kooperieren, dies zeigt bei­spiel­haft der Fall von Otto Schul­meister.

Schul­meister war lang­jäh­riger Chef­re­dak­teur der Presse, einer der größ­ten und tra­di­tions­reich­sten Tages­­zeitungen Öster­reichs. 2009 wurde sein ehemaliges CIA-Dossier publik – mit haar­sträu­benden Einzel­heiten zur ver­deckten Kol­la­bo­ration:

Zum Dossier →


Propaganda für unterwegs

Die kostenlosen Pendler­zei­tungen 20 Minuten und Blick am Abend sind die bei weitem größten Zei­tungen der Schweiz: Die täglichen Reich­weiten liegen bei rund zwei Millionen bzw. 700 000 Lesern. Zudem ist 20min.ch mit über zwei Millionen Be­suchern pro Monat das meist­ge­nutzte News­portal der Schweiz.

Auch diese Zeitungen gehören jedoch trans­at­lan­tisch ori­en­tier­ten Ver­la­gen (Tamedia und Ringier) – und be­rich­ten ent­spre­chend ein­sei­tig: Wäh­rend der (völ­ker­rechts­widrige) US-An­griff in Syrien 2014 auf der Titel­seite ­ge­feiert wur­de („End­lich: Obama greift zur grossen Keule“), wur­de die (völ­ker­rechts­kon­forme) russische Inter­ven­tion von 2015 kritisiert („Eine Strategie, die ISIS nützt“).


Lesermeinungen

»Es ist das erste Mal, dass ich eine so umfassende Arbeit zum Thema sehe. Ich habe 5 Jahre auf einer renom­mier­ten Schweizer Nachrichten­redaktion gearbeitet. Konnte noch nicht alles lesen, aber das, was ich gelesen habe, deckt sich mit meiner Erfahrung und meiner Wahrnehmung.«

»Ich hatte selbst in den 80er Jahren bei der NZZ gearbeitet. Damals eine Auszeichnung. Heute leider so wie von Ihnen beschrieben.«

»Ganz herzliche Gratulation zu eurer sehr infor­ma­tiven Seite. So etwas hat für die Schweiz noch gefehlt. Freue mich schon auf weitere Beiträge!«

Zu den Lesermeinungen →


Das Forschungsprojekt

Swiss Propaganda ist ein Forschungs- und Infor­ma­tions­projekt zu geo­po­li­tischer Pro­pa­ganda in Schwei­zer Medien.

Alle Studien und Bei­träge wurden von einem po­li­tisch und pu­bli­zis­tisch un­ab­hän­gigen, aka­de­mischen Forscher­team er­­stellt.

Swiss Propaganda hat bereits über eine halbe Million Menschen im deutsch­sprachigen Raum erreicht und zählt damit zu den bekanntesten medien­kri­tischen Publi­ka­tionen der Schweiz.

Hier können Sie uns kon­­tak­tieren.


Eine WordPress.com-Website.

Nach oben ↑