medien-narrativ

Was passiert, wenn sich ein Schweizer Jour­na­list bei geopolitischen Konflikten nicht an das gewünschte Narrativ hält und über die »falschen« Themen berichtet?

Heute kaum noch vorstellbar, doch mitten im Bosnienkrieg veröffentlichte der damalige Auslandschef der Weltwoche einen Artikel zu Kriegslügen in westlichen Medien.

Daraufhin geschah Folgendes:

“Meine Kollegin und ich gerieten jetzt auch redaktions­intern unter Beschuss … Unser Urteils­vermögen wie unsere moralische Grund­haltung wurden in Zweifel gezogen. …

Bald stimmte fast die gesamte Schweizer Presse in das Geheul gegen den Artikel ein. 16 Osteuropa-Korrespondenten schweizerischer Medien­unternehmen schrieben einen betupften (empörten) offenen Brief, in dem sie sich gegen den Vorwurf der Einseitigkeit verwahrten. …

Jetzt kam, nachdem wir zuvor bereits von der Berliner taz und der Süddeutschen Zeitung angegriffen worden waren, auch die Neue Zürcher Zeitung aus den Löchern … Der NZZ-Artikel rief nun auch den Besitzer der Welt­woche auf den Plan …

Schon zuvor hatte sich der Delegierte des Verwaltungs­rates unseres Unternehmens von einem Vorstands­mitglied der Süddeutschen Zeitung sagen lassen müssen, ob er eigentlich seine Zeitung ruinieren wolle. Mir wurde von Vorgesetzten­seite bedeutet, ich täte gut daran, vorläufig einmal zu Bosnien nichts mehr zu schreiben …

Später musste ich hören, dass in der Zeitungs­leitung im Zusammen­hang mit der Kontroverse meine vorüber­gehende Ablösung als Ressort­chef Ausland erwogen worden sei.”

— Hanspeter Born in: Serbien muss sterbien. Wahrheit und Lüge im jugo­slawischen Bürger­krieg. Edition Tiamat, 1994. (Zum Buch)

Ob unsere Journalisten dadurch ermutigt werden, unabhängig und kritisch über geopolitische Konflikte zu berichten?