CIA-MediaDie klandestine Zu­sam­men­arbeit von west­lichen Geheim­diensten mit Medien, Think Tanks und NGOs ist seit langem bekannt und vielfach dokumentiert. Wie eng und um­fas­send selbst füh­ren­de deutsch­­spra­chige Jour­na­listen mit den Ge­heim­diens­ten kooperieren, dies zeigt bei­spiel­haft der Fall von Otto Schul­meister. Schul­meister war lang­jäh­riger Chef­re­dak­teur der Presse, einer der größ­ten und tra­di­tions­reich­sten Tages­­zeitungen Öster­reichs. 2009 wurde sein ehemaliges CIA-Dossier publik – mit haar­sträu­benden Einzel­heiten zur ver­deckten Kol­la­bo­ration.

Das österreichische Nachrichten­magazin Profil berichtete wie folgt (Auszüge):

„Das Dossier zeugt von einer proble­ma­tischen, im Grunde ver­botenen Be­zie­hung eines Jour­­na­listen zur CIA, der glaubte, eine Mission zu erfüllen: Schulmeister (Deckname GRCAMERA) gestaltete Leit­artikel argumentativ nach den Wünschen der CIA, unterdrückte Geschichten, wenn sie dem US-Standpunkt schadeten, drängte seine Redakteure zur Kontakt­aufnahme mit den in Wien stationierten Vertretern der US-Regierung – der sogenannten Herrenrunde – und gab Informationen aus Hinter­grund­gesprächen mit österreichischen Politikern und Botschaftern des Ostblocks preis.

Begonnen hatte die Anwerbung mit den üblichen Erkundigungen über Dritte und der Suche nach biografischen Schwach­stellen, die bei Gelegen­heit auch gegen den Betroffenen eingesetzt werden konnten.

Von da an gingen bei Bedarf Anweisungen der CIA, wie diese oder jene politische Situation einzuschätzen sei, direkt in das Büro des Chef­redakteurs. Wenn es eilte und keine Zeit für ein persönliches Treffen war, wurden die Unterlagen per Boten zuhanden Schulmeister zugestellt.

Am 29. Oktober 1962 berichtete die CIA: »Material ausgehändigt. Es erschien ein Leitartikel nach unseren Anweisungen.«

Am 28. Dezember 1962 hieß es: »Der Herrenabend hat sich ausgezahlt. Die politische Linie der Presse könnte von unserem Standpunkt aus kaum besser sein. () Wir können Artikel unter­bringen. Nach Anweisung der Zentrale wurde dies betreffend Kuba-Krise gewünscht. () Ich traf GRCAMERA am selben Tag und übergab ihm Material, das die Zentrale veröffentlicht sehen will. Die Geschichte erschien in der Sonntags­ausgabe in Form eines von ihm gezeichneten Leitartikels auf der ersten Seite. () GRCAMERA hat um Unterstützung ­gebeten, damit sein Sohn ein Quäker­stipendium bekommt, () es sieht nicht so aus, als würde er genommen, doch sind auch das nützliche Mittel, die Verbindung zu festigen.«

Am 17. Dezember 1962 berichtete die CIA, man sei beunruhigt über einen Artikel, den die Presse-Korrespondentin in Washington über die geheime US-Unterstützung für das österreichische Bundesheer veröffentlichen will. »Die Geschichte ist richtig, () sollte aber nicht zum jetzigen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit kommen, um einen Aufruhr über Österreichs Neutralität zu vermeiden. () Ich überzeugte GRCAMERA, dass dies nur den Sowjets nützen würde. GRCAMERA stimmte zu, die Geschichte nicht zu drucken () GRCAMERA ist erfreut, dass er als erster Journalist vom neuen US-Botschafter in Wien empfangen wird. () Für ihn ist es ein Scoop.«

Am 19. September 1963 wollte die CIA die Bericht­erstattung über eine peinliche Spionage­affäre im Innen­ministerium unterbinden: »GRCAMERA () versprach, nichts über diesen Fall zu veröffentlichen.«

Am 3. April 1964 wieder Lob für die inhaltliche Ausrichtung der Zeitung: »lässt kaum zu wünschen übrig«. Oft sei Schulmeister sogar den Anweisungen der Zentrale voraus. Nur die USA-Korrespondentin der Presse verursache kleinere Irritationen. »Das bedeutet nicht, dass Schulmeister unser Agent ist. () Doch wir können ihn führen, gerade so, als wäre er unser Agent ().«

Am 19. Januar 1965 wurde Schulmeister ­Material über die Kongo-Krise übergeben. »GRCAMERA sagte, er müsse nicht überzeugt werden von den amerikanischen Interessen im Kongo, doch () habe die New York Times erst kürzlich einen Bericht der kongolesischen Regierung über ein Massaker an den dortigen Rebellen gebracht, der auch in Österreich aufgegriffen wurde. Das bringe seine Zeitung in die unangenehme Situation, dass er Geschichten veröffentliche, die konträr zur Version der New York Times liegen. () GRCAMERA meinte, wir sollten die New York Times auf Linie bringen.«

Im Laufe des Jahres 1965 konnte die CIA einen weiteren Konfidenten in der Presse gewinnen, von dem Schulmeister allerdings nicht weiß, wie im Bericht vom 12. Oktober 1965 zu lesen ist.

In den darauf­folgenden Jahren gingen zahlreiche CIA-Unterlagen über den Krieg in Vietnam und andere Brennpunkte der US-Politik über den Schreibtisch des Presse-Chefredakteurs. Schulmeister bat auch von sich aus des Öfteren um entsprechende Analysen. 1968 wurde Schulmeister im Rahmen eines Red Carpet-Programms in die USA eingeladen.

Als sich Anfang der siebziger Jahre eine Entspannungs­politik zwischen den Blöcken abzeichnete, begann es in der Beziehung Schulmeisters zur CIA zu kriseln. () Schulmeister verhalte sich wie ein »flüchtender Vogel«. Die CIA hatte zu diesem Zeitpunkt schon einen neuen, angeblich »weniger ausweichenden« Konfidenten ins Auge gefasst, der in den Akten IDENTITY genannt wird. Nach der Beschreibung – Innen­politik­redakteur, Studium in den USA, Wochenend­haus in Nieder­österreich – hatten sie es auf den zukünftigen Presse-Chefredakteur Thomas Chorherr abgesehen.

Thomas Chorherr gegenüber profil: »Ich hatte wohl häufig mit Sekretären der US-Botschaft zu tun, dass dabei die CIA im Spiel war, wusste ich nicht. Ich hatte auch keinen Verdacht, und ich habe ein reines Gewissen.« Er könne nicht glauben, dass Schulmeister mit der CIA Kontakt gehalten hatte. »Das hätte ich merken müssen«, meint Chorherr.

Nach offizieller Darstellung der Presse-Homepage machte Schulmeister die Presse in den sechziger Jahren zu einem »Reservat unabhängigen Denkens«.“

In den Schulmeister-Akten fanden sich zudem Hinweise auf CIA-Konfidenten in anderen bekannten Medien Österreichs, so im ORF, dem Kurier und  den Salz­burger Nach­richten.

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Doch nicht nur in Österreich, sondern auch in anderen europäischen Ländern ist die enge Kooperation zwischen renommierten Medien und Geheim­diensten dokumentiert:

»Fakt ist, dass auch West­medien im Kalten Krieg in Geheim­dienst­strategien und -aktionen eingebunden waren. Zahlreiche journalistische Sach­bücher und Auto­biografien geben detailliert Einblicke, wie eng verwoben Geheim­dienste, manche Massen­medien und etliche Journalisten im Westen waren. Über Jahr­zehnte recherchierte etwa der australische Geheim­dienst­experte  Phillip Knightly zu Geheim­diensten in Groß­britannien. Sein Fazit: Die tonangebende Journalisten-Elite — von der BBC über The Daily Telegraph, The Daily Mail und The Sunday Times bis hin zum Guardian — sei im Kalten Krieg in großem Maße von den britischen Geheim­diensten MI5 und MI6 unter­wandert gewesen. ()

Ähnlich eifrig kümmerten sich Geheim­dienste offenbar auch in der Bundes­republik Deutschland um die veröffentlichte Meinung. Erich Schmidt-Eenbooms Publikation Undercover. Wie der BND die deutschen Medien steuert (1999) liegt unter anderem ein Geheim­dienst­dokument zugrunde, in dem 230 Namen von teils prominenten Journalisten verzeichnet sind, die in den Zeiten des Kalten Krieges mit dem BND kooperiert haben sollen.« (Lutz Mükke: Korrespondenten im Kalten Krieg. Herbert von Halem Verlag, 2014)

Was wohl der amtierende Chef­redakteur der Neuen Zürcher Zeitung – dessen Kontakte zu diversen Geheim­diensten ebenfalls akten­kundig sind – dazu sagen würde? Wahrscheinlich würde er dies dazu sagen:

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