Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) ist die führende Schweizer Tages­zeitung für internationale Themen. Doch wie objektiv und kritisch berichtet die NZZ über geopolitische Konflikte? Um dies zu überprüfen, wurden während je eines Monats alle NZZ-Berichte zur Ukraine-Krise  und zum Syrienkrieg analysiert und anhand des Modells von Professor Anne Morelli auf Muster von Kriegs­propaganda hin ausgewertet.

Die Resultate sind eindeutig: Die NZZ verbreitet in ihren Berichten überwiegend Propaganda der Konfliktpartei USA/NATO. Gast­kommentare und Meinungs­beiträge geben nahezu durchgehend die Sicht dieser Konflikt­partei wieder, während Propaganda ausschließlich auf der Gegenseite verortet wird. Die verwendeten Drittquellen sind unausgewogen und teilweise nicht überprüfbar. Insgesamt muss von einer einseitigen, selektiv-unkritischen und wenig objektiven Berichterstattung durch die NZZ gesprochen werden. Verschiedene Erklärungs­versuche für diesen Befund werden diskutiert.

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Qualität der geopolitischen Berichterstattung in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)

Eine Studie des Forschungsprojekts zu Propaganda in Schweizer Medien 

März 2016

1. Das Ponsonby-Morelli-Modell für Kriegspropaganda

Lord Arthur Ponsonby (1871-1946) war britischer Diplomat, Politiker und Friedensaktivist. Er veröffentlichte 1928 das Buch Falsehood in War-Time, in welchem er auf rund 200 Seiten die britische, französische, deutsche, italienische und amerikanische Propaganda aus dem Ersten Weltkrieg dokumentierte und nach Themen und Techniken sortierte. Ponsonbys Buch gilt bis heute als Klassiker der Literatur zu Kriegs­propaganda (Ponsonby 1928).

2001 griff Anne Morellli, Professorin für Historische Quellenkritik an der Freien Universität Brüssel, Ponsonbys Schrift erneut auf und destillierte daraus die Prinzipien der Kriegspropaganda. Ihr gleichnamiges Buch erschien 2004 in erster und 2014 in zweiter Auflage auf deutsch. Morelli zeigt darin auf, dass die Kriegspropaganda-Techniken, die Ponsonby 1928 im Rückblick auf den Ersten Weltkrieg identifizierte, nichts von ihrer Gültigkeit und Aktualität eingebüßt haben, sondern auch bei späteren heißen wie kalten Kriegen im 20. und jungen 21. Jahrhundert von allen Konflikt­parteien rege benutzt wurden (Morelli 2004).

Das Ponsonby-Morelli-Modell umfasst die folgenden zehn Prinzipien der Kriegspropaganda:

  1. Wir wollen keinen Krieg
  2. Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg
  3. Der Feind hat dämonische Züge
  4. Wir kämpfen für eine gute Sache und nicht für eigennützige Ziele
  5. Der Feind begeht mit Absicht Grausamkeiten; bei uns ist es Versehen
  6. Der Feind verwendet unerlaubte Waffen
  7. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners aber enorm
  8. Unsere Sache wird von Künstlern und Intellektuellen unterstützt
  9. Unsere Mission ist heilig
  10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter

Mit Blick auf die geopolitischen Krisen und Kriege der letzten Jahrzehnte ist leicht zu erkennen, dass die meisten dieser Prinzipien, in jeweils unterschiedlicher Ausgestaltung und Betonung, im Rahmen von Propaganda verwendet wurden – und zwar oftmals von allen Konfliktparteien gleichzeitig.

Eine Besonderheit des Ponsonby-Morelli-Modells liegt darin, dass nicht von vornherein zwischen Wahrheit und Lüge unterschieden werden muss. Ob eine Behauptung richtig oder falsch ist, lässt sich oft erst im Nachhinein feststellen; mitunter erst Jahrzehnte später im Rahmen von geschichtlicher Forschung. Für den unmittelbaren Effekt der Kriegspropaganda ist der Wahrheitsgehalt einer Behauptung jedoch grundsätzlich unerheblich. Aus historischer Sicht ist freilich ein Großteil vergangener Kriegspropaganda aller Konfliktparteien in gewissem Grade übertrieben, unvollständig oder schlicht falsch gewesen.

2. Untersuchungsmethode

Untersucht wurde die NZZ-Berichterstattung vom April 2014 zur Ukraine-Krise sowie vom Oktober 2015 zum Syrienkrieg. Dies waren die jeweils ersten Kalendermonate nach Eskalation des Konfliktes zwischen den beiden geopolitischen Akteuren USA/NATO und Russland (Einbindung der Krim in die Russische Föderation am 21. März 2014 und Eintritt Russlands in den Syrienkrieg am 30. September 2015).

Die Artikel wurden mittels einer Volltext-Stichwortsuche nach „Ukraine“ bzw. „Syrien“ abgerufen. Berücksichtigt wurden sämtliche Artikel in den genannten Zeiträumen, bei denen aus dem Titel, Untertitel oder der Einleitung hervorging, dass sie sich direkt mit dem jeweiligen Konflikt befassen würden. Nicht berücksichtigt wurden Agenturmeldungen, reine Börsen- bzw. Finanzmeldungen, Sportberichte, sowie kurze Einleitungs- und Übersichtsartikel, die lediglich auf einen Haupttext verwiesen. Nicht berücksichtigt wurden ferner Artikel der Sonntags­ausgabe (NZZ am Sonntag), da diese von einer eigenen Redaktion erstellt wird.

Den genannten Kriterien entsprachen insgesamt 133 Artikel (99 zur Ukraine, 34 zu Syrien), darunter 13 Meinungs­beiträge und ein Interview. Anhand des in Kapitel eins beschriebenen Ponsonby-Morelli-Modells wurden diese Artikel sodann Satz für Satz auf  Propaganda-Botschaften hin untersucht. Entsprechende Sätze oder Formulierungen wurden in NATO- und NATO-kritische Propaganda eingeteilt, nach den Prinzipien eins bis zehn kategorisiert und pro Artikel aufsummiert.

Die geopolitischen Konflikt­parteien wurden dabei wie folgt definiert. Die Konfliktpartei USA/NATO oder kurz NATO umfasst die von den USA angeführte Militärallianz, deren Mitgliedsländer, sowie deren unmittelbare Verbündete. Zu den Verbündeten wurden gezählt: in der Ukraine-Krise die pro-westliche Opposition, die im Februar 2014 in Kiew an die Macht kam; im Syrienkrieg die oppositionellen Gruppierungen, die von NATO-Mitgliedern offiziell unterstützt wurden. Die Konfliktpartei Russland umfasst die russische Föderation und deren unmittelbare Verbündete: in der Ukraine-Krise die pro-russischen Gruppierungen auf der Krim und in der Ostukraine; im Syrienkrieg das syrische Regime von Präsident Al-Asad und regimetreue Gruppierungen (bspw. die Hisbollah). Im Syrienkrieg nicht berücksichtigt wurde der sogenannte „Islamische Staat“ (ISIS), da diese Gruppierung keiner der geopolitischen Konfliktparteien eindeutig zugeordnet werden konnte. Propaganda für oder gegen ISIS wurde deshalb nicht erfasst.

Zusätzlich wurde mittels Volltext-Stichwortsuche nach „Propaganda“ oder „Propagandist“ untersucht, bei welchen Gelegenheiten die NZZ selbst Propaganda von einer der Konflikt­parteien identifizierte. Schließlich wurden die von der NZZ verwendeten Drittquellen auf ihre Ausrichtung und Überprüfbarkeit hin analysiert.

Mit der gewählten Methode nicht untersucht werden konnten allfällige Bilder und Fotografien, obschon auch diese natürlich Propaganda-Botschaften transportieren können. Ebenfalls nicht erfasst wurde allfällige Propaganda, die durch Weglassen von Informationen entstehen kann. Schließlich sei nochmals daran erinnert, dass das Ponsonby-Morelli-Modell nicht zwischen „wahrer“ und „falscher“ Propaganda unterscheidet (sofern sich dies überhaupt bestimmen lässt), sondern lediglich die verschiedenen Propaganda-Botschaften und -Prinzipien erfasst. Zur Propaganda-Theorie siehe auch das Literaturverzeichnis zu dieser Studie (u.a. Baines 2013, Bussemer 2008, Starkulla 2015).

3. Resultate

Im Folgenden werden die Resultate der verschiedenen Analysen präsentiert und grafisch dargestellt.

3.1 Verwendung von Propaganda insgesamt

Die Auswertung aller 133 NZZ-Artikel zum Ukraine- und Syrienkonflikt ergab insgesamt 833 Kriegspropaganda-Botschaften, d.h. pro Artikel durchschnittlich 6.3 Botschaften. Davon waren 739 Botschaften oder 89% NATO-Propaganda und 94 Botschaften oder 11% NATO-kritische Propaganda. Wie Abbildung 1 zeigt, unterscheiden sich diese Werte zwischen dem Ukraine- und Syrienkonflikt nur um wenige Prozentpunkte.

nzz-propaganda-insgesamtAbbildung 1: Verwendung von Propaganda-Botschaften in der NZZ.

3.2 Ausgewogenheit der Artikel

Die folgende Abbildung 2 illustriert die Ausgewogenheit der NZZ-Artikel anhand der Propaganda-Botschaften, unterteilt in NATO-lastige, NATO-kritische, ausgewogene, und Propaganda-freie Artikel.

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Abbildung 2: Ausgewogenheit der NZZ-Artikel nach Anzahl Propaganda-Botschaften.

Immerhin 11% der untersuchten NZZ-Artikel enthielten keinerlei Propaganda. Oftmals handelte es sich dabei um Berichte, die den jeweiligen Konflikt nur indirekt berührten und beispielsweise eine Reaktion in der Schweiz, eine Veranstaltung von Ölfirmen in Genf oder einen Transfer von Museumsstücken in die Ukraine behandelten. Es gab aber auch einige wenige Artikel, die sich direkt mit dem Ukraine- oder Syrienkonflikt befassten und dennoch ganz ohne Propaganda auskamen, indem sie die Vorgänge oder Sichtweisen sehr sachlich beschrieben.

Weitere 5% der untersuchten Artikel enthielten zwar Propaganda-Botschaften, jedoch in einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen NATO- und NATO-kritischer Propaganda. Dies wird üblicherweise erzielt, wenn einer Propaganda-Behauptung jeweils eine Gegenbehauptung gegenübergestellt wird, oder wenn Propaganda-Behauptungen kritisch hinterfragt werden. Solche Artikel können sich insgesamt dennoch negativ oder kritisch zu einer Konfliktpartei (z.B. zu Russland) äußern, aber die Anzahl der Propaganda-Botschaften ist ausgeglichen.

Überwiegend NATO-kritische Propaganda enthielt im Beobachtungszeitraum keiner der NZZ-Artikel. Ein solcher Artikel hätte beispielsweise mehrheitlich Propaganda der russischen Konfliktpartei transportieren oder NATO-Propaganda mit mehreren Gegen­argumenten hinterfragen müssen. Dies wurde in der  Bericht­erstattung und Kommentierung durch die NZZ nicht beobachtet.

Vielmehr wurde bei 84% aller Artikel beobachtet, dass diese überwiegend NATO-Propaganda transportierten. Das Spektrum reichte dabei von einem leichten Propaganda-Überhang in ansonsten sachlichen Berichten bis hin zu „kreischenden“ Propaganda-Artikeln mit ein bis zwei Dutzend Propaganda-Botschaften der Konfliktpartei USA/NATO.

3.3 Propaganda nach Zeitungsressort

Auf Ebene der Zeitungsressorts wurde untersucht, wie einseitig oder ausgeglichen die jeweiligen Artikel durchschnittlich waren. Dazu wurde die Differenz gebildet aus der Anzahl NATO- und NATO-kritischer Propagandabotschaften und dieser Wert ins Verhältnis zur Anzahl der Artikel pro Ressort gesetzt. Abbildung 3 zeigt die Resultate.

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Abbildung 3: Differenzwert aus der Anzahl NATO-Propagandabotschaften minus NATO-kritischer Propagandabotschaften, dargestellt nach Zeitungsressort insgesamt (linke Skala) und durch­schnitt­lich pro Artikel (rechte Skala), als Maß für die Einseitigkeit der Zeitungsressorts.

Aufgrund der Anzahl Artikel führt insgesamt das Ressort International mit einem Nettowert von 330 NATO-Propagandabotschaften. Pro Artikel ist jedoch das Ressort „Meinung und Debatte“ bei weitem am einseitigsten: Der durchschnittliche Überhang an NATO-Propaganda beträgt hier 11.1 Botschaften pro Artikel. Auf den weiteren Plätzen folgen das überraschend propagandistische Feuilleton (6.5 Botschaften pro Artikel), die Frontseite (4.8), das Ressort International (4.2) sowie die Wirtschaft (3.4). Die Ressorts Schweiz und Panorama trugen hingegen kaum zur Propaganda bei.

3.4 Ausrichtung von Meinungs- und Gastbeiträgen

Um das Bild von der Ausgewogenheit und Objektivität der NZZ-Berichterstattung zu vervollständigen, wurde zusätzlich die Ausrichtung aller Meinungs- und Gastbeiträge im Beobachtungszeitraum untersucht. Im Vergleich zur gewöhnlichen Berichterstattung erlauben Meinungsbeiträge einen freieren Ausdruck von Positionen, während Gastbeiträge den Einbezug externer Sichtweisen und Fachkompetenzen ermöglichen. Die Resultate sind in Abbildung 4 ersichtlich.

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Abbildung 4: Ausrichtung der Gastbeiträge und der Meinungsartikel gemessen an der Anzahl Propaganda-Botschaften.

Erneut zeigt sich ein ausgesprochen einseitiges Bild: Von den insgesamt 14 Gastbeiträgen enthielten 12 überwiegend NATO-Propaganda (86%), zwei waren bezüglich der Propaganda­botschaften ausgeglichen, und keiner war überwiegend NATO-kritisch. Noch einseitiger sah es im Ressort „Meinung & Debatte“ aus: 12 von 13 Beiträgen (92%) waren NATO-lastig, nur eine Meinung (gleichzeitig ein Gastbeitrag) war ausgewogen, und keine war NATO-kritisch. Von einer grundsätzlichen „Debatte“, wie der Ressorttitel suggeriert, kann insofern eigentlich keine Rede sein. Bezüglich Geopolitik wird in der NZZ höchstens über nachrangige Fragestellungen debattiert – ein Befund, der sich mit Studien und Auswertungen zur Presse in Deutschland deckt (vgl. Krüger 2013).

3.5 Häufigkeit der einzelnen Propaganda-Prinzipien

In einem nächsten Schritt wurde ausgewertet, wie häufig die einzelnen Propaganda-Prinzipien gemäß Ponsonby-Morelli in der NZZ-Bericht­erstattung verwendet wurden. Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen NATO- und NATO-kritischer Propaganda, wie Abbildung 5 weiter unten illustriert.

Bei der NATO-Propaganda dominierten die Prinzipien 3 („Der Feind hat dämonische Züge“) und 2 („Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg“) mit je 24%. Im ersten Fall handelte es sich insbesondere um die häufigen Botschaften und Formulierungen zur Dämonisierung des russischen wie auch des syrischen Präsidenten („… die Lage eskaliert stündlich, während Putin das alles im Hintergrund still geniesst„; „Millionen sind vertrieben, Hunderttausende tot, Städte und Kulturerbe liegen in Trümmern – nur einen lässt die Situation kalt: Bashar al-Asad …“ [1]). Im zweiten Fall wurde die Schuld für den Ausbruch, die Eskalation oder die Fortdauer der Krise bzw. des Krieges jeweils pauschal der Konfliktpartei Russland & Verbündete zugeschoben.

Auf dem nächsten Platz folgt das Prinzip 4 („Wir kämpfen für eine gute Sache und nicht für eigennützige Ziele“) mit 17%. Hierbei wurde üblicherweise betont, dass die Konfliktpartei USA/NATO für demokratisch-rechtsstaatliche Werte, das Völkerrecht, die Sicherheit (Ost-)Europas oder die Freiheit des syrischen Volkes kämpfe, und nicht etwa für eine Ausdehnung des eigenen Machtbereichs oder die Kontrolle von Ressourcen, wie dies der gegnerischen Konfliktpartei zugeschrieben wurde.

Auf den weiteren Plätzen folgen die Prinzipien 1 („Wir wollen keinen Krieg“) und das beachtlich häufig verwendete Prinzip 10 („Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter“) mit je 8%. Bei ersterem wurde betont, dass die Konfliktpartei NATO den Frieden wolle und lediglich auf die Aggression, Provokation oder Bedrohung der Gegenseite reagieren müsse. Bei zweiterem wurden Kritiker als Verräter oder Propagandisten der Feindseite dargestellt. Die später bekanntgewordenen Begriffe „Putinversteher“ und „Putin-Troll“ wurden dabei im Beobachtungs­zeitraum zur Ukraine-Krise (April 2014) noch nicht verwendet.

Mit je 7% folgen das Prinzip 5 („Der Feind begeht mit Absicht Grausamkeiten; bei uns ist es Versehen“) und das Prinzip 7 („Unsere Verluste sind gering, die des Gegners aber enorm“). Bei ersterem wurde etwa eine (angeblich) brutale Kriegsführung der Konfliktpartei Russland & Verbündete angeprangert (z.B. die Bombardierung ziviler Einrichtungen), oder aber Vorkommnisse auf Seiten der Konfliktpartei NATO & Verbündete als Versehen oder Einzelfälle dargestellt. Im zweiten Fall wurde insbesondere von der diplomatischen Isolierung der Konfliktpartei Russland gesprochen oder die wirtschaftlichen Auswirkungen von Sanktionen gegen diese Konfliktpartei thematisiert. Um militärische Verluste ging es im Beob­ach­tungs­zeitraum nur vereinzelt.

Schließlich folgen noch die Prinzipien 6 („Der Feind verwendet unerlaubte Waffen“) mit 4.5% und 8 („Unsere Sache wird von Künstlern und Intellektuellen unterstützt“) mit 1.4%. Die Verwendung unerlaubter Waffen oder Kriegstechniken durch die russische Konfliktpartei wurde sowohl in Syrien wie auch in der (Ost-)Ukraine behauptet (Verwendung von Giftgas und Fassbomben, illegale Waffenlieferungen etc.). Die „Unterstützung durch Künstler und Intellektuelle“ fällt zwar prozentual nicht ins Gewicht, sollte als Propagandatechnik jedoch nicht unterschätzt werden: Die NZZ ließ insbesondere zur Ukraine-Krise gleich mehrere Gastbeiträge von Künstlern und Intellektuellen schreiben oder griff in Beiträgen auf sie zurück. Das Prinzip 9 („Unsere Mission ist heilig“) wurde auf Seiten USA/NATO hingegen kaum verwendet (Verteidigung des Christentums, Segnung des Krieges durch Geistliche etc.).

Bei der NATO-kritischen Propaganda ergab sich ein anderes Bild: Hier spielte mit 54% fast nur das Prinzip 2 („Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg“) eine Rolle. Dieses kam insbesondere dann zum Zuge, wenn Mitteilungen der russischen Regierung oder des russischen Militärs zitiert wurden, die die Konfliktpartei NATO & Verbündete für die Krise oder den Krieg verantwortlich machten. Mit Prinzip 4 („Wir kämpfen für eine gute Sache und nicht für eigennützige Ziele“, 14%) betonte die russische Konfliktpartei ihrerseits, selbst für eine gute Sache zu kämpfen (z.B. Sicherheit Russlands, Selbstbestimmung der Völker in der Ukraine, Bekämpfung des Terrorismus in Syrien). Die übrigen Prinzipien kamen nur vereinzelt vor, was auch daran liegt, dass die NATO-kritische Propaganda insgesamt nur 11% der Propaganda in der NZZ ausmachte (siehe oben).

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Abbildung 5: Häufigkeit der verwendeten Propaganda-Prinzipien (gemäß Ponsonby-Morelli), unterteilt in NATO- und NATO-kritische Propaganda.

3.6 Identifikation von Propaganda durch die NZZ

In einer zusätzlichen Analyse wurde untersucht, in welchen Zusammenhängen die NZZ-Autoren selbst von „Propaganda“ oder „Propagandisten“ sprachen. Die Auswertung ergab 37 Nennungen in insgesamt 20 Artikeln. In 86% der Fälle wurde die Propaganda auf Seiten der Konfliktpartei Russland und Verbündete verortet, in 14% der Fälle war die Nennung neutral oder unbestimmt, und in 0% der Fälle wurde Propaganda auf Seiten der Konfliktpartei USA/NATO verortet (siehe Abbildung 6).

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Abbildung 6: Verortung von Propaganda durch die NZZ.

Hier ist zunächst positiv festzuhalten, dass sich die NZZ wenigstens mit Propaganda von einer der Konfliktparteien, nämlich der russischen, intensiv und kritisch auseinandersetzt. Im Beobachtungs­zeitraum waren sowohl zur Ukraine-Krise wie auch zum Syrienkrieg gleich mehrere Artikel der russischen Propaganda gewidmet [2].

Einschränkend muss jedoch angemerkt werden, dass die NZZ zwar ausgiebig über die russische Konfliktpartei spricht, aber kaum je mit ihr (oder ihren Verbündeten, etwa in Syrien). Dies ist umso bemerkenswerter, als die NZZ meist über eigene Korrespondenten vor Ort in Russland oder der jeweiligen Konfliktregion verfügte. Die Korrespondenten lieferten der Leserschaft indes wenig Informationen, die nicht auch von zuhause aus zugänglich gewesen wären (z.B. via Internet). Und wenn doch lokale Quellen genutzt wurden, so waren diese wiederum mehrheitlich der westlichen Konfliktpartei USA/NATO zuzuordnen (Oppositions­medien, Regimekritiker etc.; vgl. hierzu die separate Auswertung der Drittquellen).

Der ehemalige niederländische Nahost-Korrespondent und Kriegsberichterstatter Joris Luyendijk konstatierte in diesem Zusammenhang, dass es bei der sogenannten Ortszeile („berichtet aus Moskau“ etc.) oftmals eher um Prestige und vermeintliche Glaubwürdigkeit  gehe, und weniger darum, den Lesern durch die Präsenz vor Ort tatsächlich einen Mehrwert zu bieten oder gar das Verständnis für die „gegnerische“ Konfliktpartei zu fördern (Luyendijk 2015).

Noch bedenklicher ist jedoch der Umstand, dass die NZZ im Beobachtungs­zeitraum keinerlei Propaganda auf Seiten der Konfliktpartei USA/NATO thematisiert, sondern diese im Gegenteil weitgehend unkritisch an die Leserschaft weiterreicht. Dies wirkt wenig glaubwürdig, zumal allein in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Propaganda-Operationen dieser Konfliktpartei gut dokumentiert sind (Bittermann 1994, Becker/Beham 2008, Kutz 2014, Tilgner 2003). Mitunter werden selbst offensichtlich fragwürdige Angaben ohne Vorbehalt rapportiert [3].

Bezeichnend für dieses Verhalten der NZZ ist ein Artikel vom 14. April 2014 mit folgender Passage: „Dass die Amerikaner einst die falsche Behauptung verbreiteten, Saddam Hussein habe Massen­vernichtungs­waffen, fand man ja auch nicht so chic. Es gab viel Lärm damals.“ [4] Hier wird eine bekannte und wahrheitswidrige Propaganda-Behauptung der Konfliktpartei USA/NATO, die zentral war für die öffentliche Begründung des Irak-Krieges im Jahre 2003, vom NZZ-Autor indirekt („fand man“) als „nicht so chic“ beschrieben und Kritik an dieser Behauptung als „viel Lärm“ bezeichnet (den es dem Shakespeare’schen Sprichwort zufolge bekanntlich „um nichts“ gibt). Die Kritik der NZZ richtet sich also nicht gegen die Propaganda der Konfliktpartei USA/NATO, sondern im Gegenteil gegen die Kritik an dieser Propaganda. Erklärungs­versuche für ein solch auffälliges Verhalten werden in Kapitel 4 diskutiert.

3.7 Drittquellen

In einer weiteren Analyse wurden die von den NZZ-Autoren verwendeten Drittquellen untersucht, d.h. Quellen, die nicht direkt einer der Konfliktparteien angehören. Dies schließt Regierungs- und Militär­angehörige aus, beinhaltet jedoch beispielsweise internationale Organisationen wie die UNO und OSZE, Menschen­rechts­organisationen, Beobachter, Experten oder andere Medien. Hierbei wurde anhand von öffentlich zugänglichen Informationen bezüglich Finanzierung, Leitung, Zusammen­setzung, Mitgliedschaften und dergleichen untersucht, ob die verwendeten Drittquellen von ihrer grundsätzlichen Ausrichtung her einer der beiden Konflikt­parteien zuzuordnen, neutral oder aber unbestimmbar waren, und ob dies von der NZZ transparent gemacht wurde. Abbildung 7 stellt die Ergebnisse dar.

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Abbildung 7: Ausrichtung der von der NZZ verwendeten Drittquellen.

Die Auswertung ergab, dass 63% der von der NZZ verwendeten Drittquellen von ihrer grundsätzlichen Ausrichtung her der Konfliktpartei NATO & Verbündete zuzuordnen waren, 15% der Konfliktpartei Russland & Verbündete, 9% als neutral anzusehen waren, und 13% nicht zugeordnet werden konnten. Erneut zeigt sich also eine deutliche Einseitigkeit zugunsten der Konfliktpartei USA/NATO.

Noch problematischer wird die Verwendung der Drittquellen jedoch, wenn deren Transparenz und Kennzeichnung durch die NZZ betrachtet werden. Bei den grundsätzlich neutralen Quellen wie der UNO oder der OSZE ist dies im Allgemeinen unproblematisch. Auch Quellen, die von der Ausrichtung grundsätzlich der Konfliktpartei Russland & Verbündete zuzurechnen sind, werden von der NZZ meist deutlich als solche gekennzeichnet („regimetreu“, „umstritten und besonders regimenah“, „Staatsmedien“ und dergleichen).

Anders sieht es hingegen bei den Drittquellen im Umfeld der Konfliktpartei NATO & Verbündete aus. Hier fehlt vielfach eine klare Angabe, oder es wird sogar vermeintliche Neutralität suggeriert: Regime-kritische und oppositionelle Medien werden nicht als solche gekennzeichnet, die einschlägige Finanzierung von Organisationen wird nicht erwähnt, oder es wird neutral von „Journalisten­kollektiv“, „Terror­experte“, „Menschen­rechts­organisation“ und dergleichen gesprochen. Ohne eigene Recherchen hat die Leserschaft keine Möglichkeit herauszufinden, wer sich etwa hinter dem „Kiewer Institut für Massen­information“, der „Syrischen Beobachtungs­stelle für Menschen­rechte“, dem „Internetportal Nowosti Donbasa“, der „Organisation Adopt a Revolution„, oder auch der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ verbirgt [5].

Teilweise sind jedoch nicht einmal solche Recherchen möglich, da die Quellenangabe völlig unklar und damit unüberprüfbar ist: Die NZZ beruft sich etwa auf „verschiedene Kommentatoren“, „internationale Beobachter“, „Medienberichte“, „Meinungsumfragen“, „einige Analytiker“, „anonyme Beamte“, „verschiedene Medien unter Berufung auf anonyme Quellen in Washington“, oder einfach nur „manche“ ohne irgendwelchen Kontext. Eine solche Dissimulierungs- oder Verbergungs­strategie geht oftmals mit einer stillschweigenden Delegierung der Informations­überprüfung an die jeweilige Quelle einher und ist in der medien­kritischen Literatur vielfach belegt (siehe z.B. Dirks 2010).

Die NZZ öffnet damit der Propaganda und Manipulation durch die Konfliktpartei USA/NATO Tür und Tor. Denn bereits 2003 warnte Ulrich Tilgner, der langjährige Nahost-Korrespondent des ZDF und Schweizer Fernsehens, im Rückblick auf den Irak-Krieg: „Mit Hilfe der Medien bestimmen die Militärs zugleich die öffentliche Wahrnehmung und nutzen sie für ihre Planungen. Sie schaffen es, Erwartungen zu wecken und Szenarien und Täuschungen zu verbreiten. In dieser neuen Art von Krieg erfüllen die PR-Strategen der US-Administration eine ähnliche Funktion wie sonst die Bomberpiloten. Die Spezial-Abteilungen für Öffentlichkeits­arbeit im Pentagon und in den Geheim­diensten sind zu Kombattanten im Informationskrieg geworden. … Dabei nutzen die amerikanischen Militärs die mangelnde Transparenz der Berichterstattung in den Medien gezielt für ihre Täuschungs­manöver. Die von ihnen gestreuten Informationen, die von Zeitungen und Rundfunk aufgenommen und verbreitet werden, können Leser, Zuhörer oder Zuschauer unmöglich bis zur Quelle zurückverfolgen. Somit gelingt es ihnen nicht, die ursprüngliche Absicht der Militärs zu erkennen. … Journalisten werden so als Mittel genutzt, den Kriegsgegner in die Irre zu führen. Information wird zum Bestandteil der Kriegsführung: zum Informationskrieg.“ (Tilgner 2003)

Aufgrund ihrer Quellenverwendung befindet sich die NZZ damit weitgehend im „in sich geschlossenen Informations­kreislauf westlicher Demokratien während Kriegszeiten“ (Becker/Beham 2008), wie er in Abbildung 8 dargestellt ist. Von außerhalb dringen kaum Informationen durch, und die eigene investigative Leistung ist minimal. Die NZZ macht diesen Kreislauf jedoch nicht transparent, denn Meta-Informationen zur Quellenauswahl und -interpretation sucht man in ihren Artikeln meist vergebens. Dies deckt sich mit früheren Untersuchungen zur deutschen Presse (Dirks 2010, Krüger 2013, Kutz 2014).

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Abbildung 8: Der in sich geschlossene Informations­kreislauf westlicher Demokratien während Kriegszeiten. Quelle: Becker/Beham, 2008.

4. Erklärungsversuche

Die Resultate in Kapitel 3 sind eindeutig: Die NZZ verwendet in ihrer Berichterstattung zu geopolitischen Konflikten überwiegend Propaganda der Konfliktpartei USA/NATO. Gastkommentare und Meinungsbeiträge geben nahezu durchgehend die Sicht dieser Konfliktpartei wieder, während Propaganda ausschließlich auf der Gegenseite verortet wird. Die genutzten Drittquellen sind unausgewogen und teilweise nicht überprüfbar. Insgesamt muss von einer einseitigen, selektiv-unkritischen und wenig objektiven Berichterstattung durch die NZZ gesprochen werden.

Wie können diese bemerkenswerten Resultate erklärt werden? Es bieten sich hierzu verschiedene Ansätze an:

1. Naivität oder Fahrlässigkeit: „Wer glaubt, im Krieg von Militärs wirklich informiert zu werden, ist naiv„, schrieb Ulrich Tilgner 2003 im Rückblick auf den Irak-Krieg (Tilgner 2003). Die NZZ verbreitet ebensolche Informationen der Konfliktpartei USA/NATO ausgiebig und oftmals vorbehaltslos, doch sind die NZZ und ihre Autoren deshalb naiv? Dies erscheint wenig plausibel. Die umfassenden Propaganda­strategien der USA/NATO sind spätestens seit den Golf- und Balkankriegen auch unter Journalisten bestens bekannt (Bittermann 1994), sodass Naivität als mögliche Begründung ausscheiden muss. Auch Fahrlässigkeit, etwa aufgrund von Zeit- und Kostendruck, kommt als Erklärung nicht in Frage: Hierfür ist die Stoßrichtung der Berichterstattung und der Meinungsbeiträge in der NZZ viel zu konsistent.

2. Auflagendruck und Lesererwartungen: Denkbar wäre, dass die NZZ ihre Berichterstattung an den (vermeintlichen) Erwartungen der Leserschaft ausrichtet, um die Verkaufszahlen möglichst hoch zu halten. Mit dieser Überlegung wird etwa die zunehmende Boulevardisierung des modernen Journalismus zu begründen versucht. Im vorliegenden Kontext ist eine solche Erklärung jedoch wenig plausibel: So erntete die NZZ für ihre geopolitische Berichterstattung teils heftige Leserkritik [6], und die Auflagenzahlen gingen zuletzt markant zurück [7]. Insofern macht es eher den Anschein, dass die NZZ sogar entgegen einer verbreiteten Lesererwartung an ihrer einseitigen und wenig objektiven Berichterstattung festhält. Dieses auch markt­wirt­schaftlich erstaunliche Verhalten müsste umso mehr erklärt werden.

3. Ideologie: Die NZZ verpflichtet sich in ihren Statuten [8] auf eine „freisinnig-demokratische Grundhaltung“ (wobei das historische „freisinnig“ fälschlicherweise oft als „wirtschaftsliberal“ aufgefasst wird).  Nun ist es denkbar, dass die NZZ mit dieser Grundhaltung primär die Konfliktpartei USA/NATO assoziiert und letztere deshalb bei geopolitischen Konflikten publizistisch unterstützen möchte. Diese Überlegung könnte in der Tat zur Erklärung der vorliegenden Studienresultate beitragen.

Dennoch überzeugt der ideologische Ansatz nur bedingt: Einerseits hat die genannte Konfliktpartei in den vergangenen Jahrzehnten selbst vielfach und in eklatanter Weise gegen die statutarische Grundhaltung der NZZ verstoßen (beispielsweise durch Sturz demokratischer Regierungen und wiederholter Verletzung von Völker- und Menschenrechten (Sylvan/Majeski 2009)). Die pauschale Zuschreibung einer freisinnig-demokratischen Grundhaltung erscheint deshalb fragwürdig. Doch selbst in diesem Fall bliebe unklar, weshalb die NZZ die Propaganda dieser Konfliktpartei weitgehend vorbehaltslos transportiert und damit die eigene journalistische Glaubwürdigkeit unterminiert.

4. Militärische, politische und ökonomische Abhängigkeit der Schweiz: Die Schweiz ist politisch offiziell neutral, faktisch jedoch in vielerlei Hinsicht von der Konfliktpartei USA/NATO abhängig. Militärisch liegt das Land vollständig im Einflussgebiet der NATO und ist mit dieser in den 1990er Jahren eine Partnerschaft eingegangen. Politisch ist die Schweiz von der Europäischen Union umgeben, deren Mitglieder wiederum größtenteils der NATO angehören oder von dieser abhängig sind. Und auch ökonomisch besteht eine hohe Dependenz, da der überwiegende Teil des Schweizerischen Außenhandels (Importe und Exporte) mit Mitgliedern der NATO stattfindet und das Schweizer Finanzsystem auf das Wohlwollen der USA angewiesen ist [9].

Insofern ist es denkbar, dass diese Abhängigkeit zu einer grundsätzlich wohlgesinnten Berichterstattung der Konfliktpartei USA/NATO gegenüber führt, zumal gerade die NZZ und ihre Aktionäre die Schweizer Wirtschaft repräsentieren, die naturgemäß ein hohes Interesse an ungetrübten Beziehungen mit einem solch dominanten Partner haben muss. Dies könnte womöglich  erklären, warum die NZZ im Sinne einer freiwilligen Selbstzensur eine einseitige, selektiv-unkritische und wenig objektive Berichterstattung bei geopolitischen Konflikten bevorzugt.

5. Eliten-Netzwerke: In den letzten Jahren wurde vermehrt die publizistische Bedeutung von Eliten-Netzwerken thematisiert und deren Einfluss auf den Journalismus untersucht, insbesondere im Falle deutsch-transatlantischer Netzwerke und Vereinigungen. Dabei konnte gezeigt werden, dass Journalisten, die Mitglied in solchen Netzwerken sind, zumeist wohlgesinnt berichten und kommentieren, wenn sich die Konfliktpartei USA/NATO in geopolitischen Auseinandersetzungen befindet (Krüger 2013). Für die Schweiz liegen hierzu bislang jedoch kaum empirische Befunde vor.

Bekannt ist immerhin, dass auch die Verleger und Chefredakteure der etablierten Schweizer Medien regelmäßig an Konferenzen der transatlantischen Elite aus Politik, Militär und Wirtschaft teilnehmen, meist ohne dass sie darüber berichten würden [10]. Im Falle der NZZ ist zudem bekannt, dass der vormalige Auslandschef und heutige Chefredakteur, Eric Gujer, als „Atlantiker“ gilt [11] und Kontakte pflegt zu neokonservativen Kreisen in den USA, etwa dem Project for the New American Century (PNAC) [12], welches vom ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney mitgegründet wurde.

Insgesamt erscheint es plausibel, dass eine Kombination aus der militärisch-politisch-ökonomischen Abhängigkeit der Schweiz, der ideologischen Ausrichtung der NZZ, sowie der Einbindung von Schlüssel­personen der NZZ in transatlantische Elite-Netzwerke in Summe zu einer Berichterstattung führen, die der Konfliktpartei USA/NATO wohlgesinnt ist und deren Kriegspropaganda weitgehend unkritisch transportiert, wie in dieser Studie nachgewiesen wurde.

5. Schlussfolgerungen

Die vorliegende Untersuchung kam anhand des Propaganda-Modells von Ponsonby-Morelli zum Ergebnis, dass die NZZ bei geopolitischen Konflikten überwiegend Propaganda der Konfliktpartei USA/NATO verbreitet, Propaganda nur auf der Gegenseite identifiziert, unausgewogene und teilweise wenig transparente Drittquellen verwendet und damit insgesamt einseitig und wenig objektiv berichtet und kommentiert. Als Erklärung für diesen Befund wurde eine Kombination aus ideologischer Ausrichtung, transatlantischer Eliten-Netzwerke, und militärisch-politisch-ökonomischer Abhängigkeit der Schweiz von der Konfliktpartei USA/NATO vorgeschlagen.

Die gewonnen Resultate stimmen weitgehend mit medienkritischen Untersuchungen etwa in Deutschland überein, wo solche Effekte in der Berichterstattung zu geopolitischen Konflikten wiederholt nachgewiesen wurden (Bilke 2008, Dirks 2010, Krüger 2013, Zagala 2007). In der Schweiz dürfte die vorliegende Untersuchung hingegen ein Novum darstellen.

Zu prüfen wäre, inwiefern dieser Befund auch für die anderen etablierten Medien in der Schweiz Gültigkeit hat. Sollte die NATO-konforme Berichterstattung der NZZ wie dargelegt einer freiwilligen Selbstzensur aus oben genannten Gründen geschuldet sein, so wäre zu erwarten, dass ähnliche Muster auch bei den übrigen Schweizer Medien nachgewiesen werden können, womöglich in etwas abgeschwächter Form. Denn nur landesweit könnte eine solche Maßnahme die gewünschte Wirkung erzielen. Dabei ist zu bedenken, dass inzwischen über 90% des konventionellen Schweizer Medienmarktes von nur fünf großen Verlagshäusern abgedeckt werden und somit eine hohe Medien­konzentration vorliegt [13].

Eine „freiwillige Selbstzensur“ entspräche zudem im Wesentlichen dem Modus Operandi der Schweizer Medien im 20. Jahrhundert: Um die Schweiz während geopolitischer Konflikte keinen unnötigen Risiken auszusetzen, hatten die Medien und sogar Buchverlage im Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie im Kalten Krieg bei ihrer Berichterstattung und Kommentierung einen politisch vorgegebenen Meinungskorridor zu beachten, der sich an den jeweiligen geopolitischen Kräfte­verhältnissen orientierte (Bollmann/Oppenheim 2004, Keller 2009, Kreis 1973).

In Anbetracht dieser Tatsachen wäre es nicht weiter erstaunlich, wenn die erwähnten publizistischen Mechanismen und Vorsichts­maßnahmen auch im heutigen “Global War on Terror”  zur Anwendung kommen. Indes dürfte ihre Akzeptanz in der Bevölkerung pro­blema­tischer sein als ehedem, da die mediale Darstellung heutzutage aufgrund techno­logischer Möglich­keiten leichter überprüft und mit Gegen­darstellungen verglichen werden kann. Die Anforderungen an eine glaubwürdige geopolitische Berichterstattung sind in diesem Sinne klar gestiegen.


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Anmerkungen

Bei allen NZZ-Referenzen ist der gedruckte Zeitungsartikel maßgebend. Die Online-Versionen können in Titel wie Inhalt davon abweichen und werden hier nur zur Information verlinkt.

[1^] Zitate aus den NZZ-Artikeln Staus und Offensiven in Berlins Aussenpolitik vom 30. April 2014 und Die Spieler von Damaskus vom 16. Oktober 2015.

[2^] Siehe z.B. die NZZ-Artikel Auf Lügen gebaut und Moskaus Einpeitscher vom Dienst vom 17. April 2014, Putins Show vom 19. April 2014, Von Gemüsesuppe und höflichen Piloten vom 15. Oktober 2015.

[3^] Beispielsweise erwähnt die NZZ unter dem Titel Kiew identifiziert die Todesschützen vom Maidan am 4. April 2014 zunächst, dass die vormalige Opposition selbst zu den Verdächtigen der Maidan-Morde gehört habe. Dennoch präsentiert sie im Folgenden die Untersuchungs­resultate eben dieser vormaligen Opposition als Fakten ohne jeden Vorbehalt und Zweifel.

[4^] Besetzung, Lügen und fiese Visa-Tricks, NZZ vom 14. April 2014.

[5^] Das Kiewer Institut für Massen­information wird u.a. von der USAID, der US NED und dem Washingtoner Freedom House unterstützt. Die Syrische Beobachtungs­stelle für Menschen­rechte wird (angeblich) von einem einzigen syrischen Exilanten in London betrieben. Das Internetportal Nowosti Donbasa wird von einem aus dem Donbass nach Kiew geflüchteten Journalisten betrieben. Die Organisation Adopt a Revolution wurde von der syrischen Opposition mit Unterstützung der USA gegründet. Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik wurde vom US Council on Foreign Relations mitgegründet

[6^] Rebellion unter den Lesern, NZZ vom 2. Mai 2014.

[7^] Zeitungen und Zeitschriften verlieren markant an Lesern, WEMF Studie 2014.

[8^] NZZ-Statuten vom April 2011: static.nzzmediengruppe.ch/1314656851/statuten.pdf

[9^] Vgl. die Schweizerische Außenhandelsbilanz: www.aussenhandel.admin.ch

[10^] Die Verleger und Chefredakteure der wichtigsten Schweizer Medienhäuser nehmen beispielsweise im Turnus an der sogenannten Bilderberg-Konferenz teil, an der sich die trans­atlantische Elite aus Politik, Wirtschaft und Militär im privaten Rahmen trifft.

[11^] Ein Atlantiker an der Spitze, Basler Zeitung vom 12. März 2015.

[12^] Siehe z.B. das Buch Safety, Liberty, and Islamist Terrorism des American Enterprise Institutes, an welchem Eric Gujer zusammen mit Gary J. Schmitt schrieb, dem ehemaligen Executive Director des Project for the New American Century (PNAC).

[13^] Es sind dies die SRG, Tamedia, Ringier, NZZ Medien und AZ Medien. Siehe das Jahrbuch Qualität der Medien des Forschungsinstituts für Öffentlichkeit und Medien der Universität Zürich.


Literatur

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